Behauptungsmaschinen: Fake, Fakten und Fiktionen

>>> Die Diskussionsveranstaltungen in Saal 1 wurden live gestreamt und mitgeschnitten und stehen hier zur Nachschau zur Verfügung. <<<

Die Konferenz

Warum: Was sich früher als ungeprüfte Behauptung im kommunikativen Tagesgeschäft verflüchtigte, gerät heute in den Sog der Behauptungsmaschinen, wird auf Twitter, Facebook etc. in Nullkommanichts zur wahrheitsfähigen Nachricht aufgeblasen. Die neuen Autoritären erklären den klassischen Medien den Krieg und lassen Alternative Fakten präsentieren. War es bisher eine Urkompetenz des Theaters, im Modus des Als-Ob (und begrenzbaren Modell der Kunst) alternative Erzählungen und Weltbilder zu organisieren, ist das Spiel mit Fiktion und Illusion inzwischen zur omnipräsenten Kulturtechnik geworden.
Die Konferenz Theater & Netz untersucht und diskutiert seit 2013 jährlich zwischen Theatertreffen und re:publica, wie und in welchem Maße die Digitalisierung die Struktur der bürgerlichen Öffentlichkeit verändert und damit auch die Darstellende Kunst neu formatiert.

Wie: In Gesprächen, Workshops und Keynotes beleuchtet die diesjährige Jubiläumsausgabe der Konferenz diverse künstlerische und außerkünstlerische Thesen und Strategien, die sich an der Sollbruchstelle Fake und Fakt abarbeiten. Gefragt wird aber auch nach den Konsequenzen für klassische Behauptungsstrukturen, wenn Maschinen (Bots, Algorithmen) das Verhältnis von Sender und Empfänger aufmischen, bzw. dieses Verhältnis ganz aufheben.

Wann: 6. und 7. Mai Mai 2017, jeweils 10:30 Uhr bis 17:30 Uhr.
Was: Vorträge, Panels, Workshops, Bloggerspace, Virtual Reality Lab und Präsentation.
Wo: Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstraße 8, 10117 Berlin.

Das Platzangebot ist beschränkt, eine Anmeldung obligatorisch:
theaterundnetz@boell.de.

Wer: Angela Richter (Regisseurin Berlin / Köln), Elisabeth Wehling (Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin, University of California, Berkeley), Klaus Lederer (Bürgermeister und Kultursenator, Berlin), Heidi Wiley (Geschäftsführung ETC, European Digital Lab), Bernd Stegemann (Professor für Dramaturgie, HfS „Ernst Busch“ Berlin), Ralf Fücks (Publizist, Vorstand Heinrich Böll Stiftung, Berlin), Johanna Höhmann (Dramaturgin, Kammerspiele, München), Ersan Mondtag (Regisseur, Berlin), Stefan Niggemeier (Medienjournalist, Berlin), Gerfried Stocker (Direktor Ars Electronica, Linz), Pascal Jürgens (Institut für Publizistik, Universität Mainz), Christiane Kühl & Chris Kondek (Künstlerkollektiv, Berlin), Harald Wolff (Dramaturg und Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft), Christian Schiffer (BR/Zündfünk, Chefredakteur und Herausgeber des WASD-Magazins für Gamekultur, München), Cornelius Puschke (Dramaturg, Berlin), Julian Kamphausen (PAP, Co-Kurator Performersion, Berlin), Christian Henner-Fehr (Social-Media-Experte, Wien), Björn Lengers & Marcel Karnapke (VR-Kollektiv CyberRäuber, Berlin), Lukas Fischer (Leiter Internetredaktion Heinrich Böll Stiftung, Berlin), Ulrich Ladurner, Redakteur Die Zeit, Hamburg), Robert Stachel (Kabarettist / Maschek, Wien), Damian Rebgetz (Performer, München) u.v.m.
Das Projektbüro für kulturelle Angelegenheiten im Netz Kulturfritzen gestaltet den Bloggerspace.

Ein detaillierter Ablaufplan samt Titel, Themen und Referent*innen ist unter dem Menüpunkt Programm zu finden.

Die Teilnahme an der Konferenz ist kostenlos.

6 Gedanken zu „Behauptungsmaschinen: Fake, Fakten und Fiktionen

  1. Joachim Gruber

    Zum Workshop mit Elisabeth Wehling
    Thema: Wie Daniel Ellsberg uns helfen kann.

    Der Whistleblower der 1970er Jahre Daniel Ellsberg …
    (https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Ellsberg)
    (http://www.ellsberg.net/)

    … hat in den vergangenen Jahren mit Whistleblowern wie Julian Assange, Edward Snowden und William Binney gesprochen, um im Vergleich ihrer Erfahrungen mit den eigenen neue Wege zu gesellschaftlich-politischer Verantwortung offenzulegen.
    https://www.youtube.com/results?search_query=Ellsberg

    Darüberhinaus hat er in seinem autobiographischen Buch „Secrets“ …
    (https://www.amazon.com/Secrets-Memoir-Vietnam-Pentagon-Papers/dp/0142003425)

    … und in seinem 12-teiligen Interview „Lied to Death“ …
    http://arnmenconi.com/liedtodeath/

    … auf eindringliche und anschauliche Weise gezeigt, wie wir es nur in Ausnahmefällen schaffen, unserer Gruppe (z.B. unserer sozialen oder beruflichen Umgebung) zu widersprechen. Um von unserer Gruppe weiterhin akzeptiert zu werden, ignorieren wir unsere ethischen Prinzipien und unsere Fachkenntnisse, wenn diese uns von der Gruppe trennen. Wir glauben, rational abzuwägen, sind aber tatsächlich emotional und fast ausweglos gruppenkonform.

    Ellsberg schildert sein Einverständnis mit der US-Regierung, die ihm für seine Forschungs- und Beratertätigkeit Zugang zu mehr geheimen Informationen gewährte als jedem anderen hohen Regierungsangestellten. Obwohl er schon an seinem ersten Arbeitstag feststellte, dass sowohl der US-Präsident als auch US-Minister die Öffentlichekit bewusst hinters Licht führen und sogar belügen, empfand er es als seine Aufgabe, innerhalb der politischen Machtelite zu arbeiten und sie zu beraten. In diesem Rahmen setzte er auch sein Leben als Kommandeur einer militärischen Einheit, die in Vietnam kämpfte, aufs Spiel.

    Weil seine Peer Group keinen Ausweg aus dem Morden in Vietnam fand, wechselte er in die Gruppe der Kriegsgegner.

    Auf Grund meiner 3 Jahrzehnte umfassenden wissenschaftlichen Arbeit zur Langzeitsicherheit von hochradioaktivem nuklearen Abfalllagern und meiner Erfahrung mit der geschilderten Gruppendynamik …
    http://acamedia.info/sciences/J_G/langzeitsicherheit.html

    … erscheinen mir Ellsbergs Äußerunbgen wegweisend. Er beschreibt seine Erfahrungen, d.h. wie man sich von seinen alten Kompromissen (in Ellsbergs Fall denen im Regierungsestablishment) lösen und neuen Kompromissen (in Ellsbergs Fall denen in der Antikriegsbewegung) zuwenden kann, so anschaulich, dass wir diesen fast unmöglichen Schritt aus unserer eigenen Gruppe leichter vollziehen können.

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    1. Joachim Gruber

      Definition des Frame nach Gamson und Modigliani
      (zitiert nach Brad Jones, „Moral Framing“, 22 October 2013,
      https://apw.polisci.wisc.edu/APW_Papers/MoralFraming.pdf):
      „Media discourse can be conceived of as a set of interpretive packages that give meaning to an issue. A package has an internal structure. At its core is a central organizing idea, or frame, for making sense of relevant events, suggesting what is at issue”

      Der im Inhaltlichen definierte Frame hat eine Entsprechung in der Gesellschaft: die Peer Group. Im Kommentar oben stelle ich dar, wie die Peer Group ganz analog zum Frame unser Denken und Handeln bestimmt.

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  2. Joachim Gruber

    Der Frame ist
    (*) das, was in der Physik „Modell“ genannt wird: Der Physiker schaut mit dem Filter eines Modells, also mit einer Vorstellung von den Zusammenhängen, in die Welt.

    (*) Teil des Systems von Immunzellen (B- und T-Zellen), das sich unser Immunsystem in Wechselwirkung mit der Welt der Bakterien, Viren und Pilze angeeignet hat.

    (*) neurobiologisch kodiert im System von Neuronengruppen, das sich in unserem Gehirn gebildet hat und fortwährend durch Re-Entry Signaling an neue Informationen angepasst wird. Nach Gerald Edelman (Neurosciences Institute, San Diego) interpretieren wir die Welt nicht rational, sondern nach darwinistischem Prinzip: Das, was sich als Frame besser bewährt hat, wird als erstes zur Erklärung einer neuen Information ausgewählt. Wir finden uns auf Grund von Erfahrung zurecht. Erfahrungen brauchten wir nicht selbst zu machen: Die Informationsmedien liefern Ersatz für eigene Erfahrungen. Die Auswahl unserer Informationsmedien bestimmt die Art des Trainings, mithilfe dessen wir die Welt verstehen wollen.
    http://acamedia.info/letters/an_Peter_von_Salis/1_11_2009.htm#tngs_deutsch

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    1. Joachim Gruber

      Notwendige Veränderung unserer Frames und Peer Groups

      Unser Denken und Handeln ist neurobiologisch einerseits durch nicht-rationale Frames bestimmt. Andererseits leben und arbeiten wir in Peer Groups und tun uns sehr schwer, den Ansichten unserer Gruppe zu widersprechen oder sie zu verlassen, selbst wenn wir zuweilen wesentlich andere Werte vertreten. Statt dessen ändern wir lieber unser Denken aus dem Gefühl heraus, wir seien im Irrtum.

      George Lakoff (https://georgelakoff.com/) und Michail Gorbatschow legen an Beispielen aus der Gesellschaft und der Politik dar, wie wir unsere bisherigen, nicht nachhaltigen Denkweisen ändern können.
      http://acamedia.info/politics/theater&netz_vol5/lakoff_&_gorbatschow.html

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  3. D. Rust

    Lieber Jochen Gruber – danke für Deine Ausführungen, die schon vorab einige Fragen für mich in den. noch nicht besuchten, vor den morgigen Ansturm noch sich ausruhenden Analog-Raum stellen:
    1. Finde ich sehr gut, dass Du ohne großen Aufwand zeigst, dass es mehrere Definitionen für „Frame“ gibt, was in der Wissenschaft ja oft passiert, dass wir gleiche Begriffe auf unterschiedliche Art und Weise benutzen, dass diese einen gemeinsamen Kern haben, der das gestattet, sie auf verschiedene Sachverhalte zutreffend anzuwenden. Und dass es in wissenschaftlichen Diskursen sehr wichtig ist, die für den momentan primären Diskurs gültige Bedeutung definieren. Ein gutes Beispiel, praktischer nagelegt, ist der Begriff „Avatar“, der ganz unterschiedliche Bedeutungen in verschiedenen Diskursen produziert, ich spieltheoretischen und in religionswissenschaftlichen zum Beispiel.
    2. Wäre interessant, wie sich aber „Frame“ und „Peer Group“ konkret unterscheiden auf der Ebene des Sprachgebrauchs- alsometaethisch untersucht und semiotisch beschrieben.
    3. Was wird mit den Informationen, die nicht auf der Grundlage des Frames als ERSTES zur Erklärung einer neuen Information oder eines – ich würde es „Informationscluster“ nennen – Informations-Clusters,
    sondern der nachrangigen Korrektur oder auf der Grundlage der bis zum Eintreffen des Frames vorliegenden neuronalen Prägungen benutzt dienen? Und: welche Einflüsse sind für Entscheidungsfindungen primär zu bewerten: die Frame-basierte Spontanerklärung, die als erstes Erklärungsmodell für die jeweilige Information ausgewählt wird? Oder die Informationscluster, die der Korrektur und Feinjustierung zur Auswahl von Informationsmedien dienen?
    4. Wie denkst Du, wirkte sich das aus auf Theater als Repräsentationsraum von sowohl aktuellen als auch konservierten Informationsclustern?
    Ich freu mich, Dich morgen zu sehn und mit Dir weiter zu streiten – sorry , liebe Veranstalter und Mit-Tagende – wir sind dann mal schon soweit…:)

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  4. D. Rust

    Hi,
    unter dem Titel „Zu den durch die Digitale Revolution ausgelösten fundamentalen Schwierigkeiten in der zwischenmenschlichen Kommunikation“ könnt Ihr meine Vorbereitung auf den Workshop mit Elisabeth Wehling, die Panels mit Angela Richter und das von Esther Slevogt moderierte Streitgespräch „Gespenster der Freiheit“ mit Bernd Stegemann und Ralf Fücks einsehen.
    Darin finden sich eingangs drei grafische Übersichten über die generativen gesellschaftlichen Kern- und Randgruppen vor, während und nach der Digitalen Revolution, eine konkrete Phaseneinteilung der Digitalen Revolution, eine knappe Seite Fragenkatalog zu dem Thema einschließlich zu den Auswirkungen auf Theater sowie 11 Seiten Erörterung der Fragenstellungen und von mir gewählten Begriffe. Alles frei zum diskursiven Abschuss durch wen immer und ganz direkt unter:
    https://drustautorin.wordpress.com/aufsatz-vortrag/ – /“PDF-Sammlung Theater und Netz 2017“.

    (Für diejenigen unter Euch, für die es ohne Theater partout nicht geht: Hakunamatata – stellt Euch einfach vor, ich hab das über die Nacht mit Fischleim an das Hauptportal vom Kölner Dom geklebt und mit Klarlack versiegelt) – d.o.

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